Eine musikalische Odyssee durch ein Land, eine Zeit, eine Stadt

Gute Menschen sind sie, denn sie singen, Barbaren sind sie und singen, sie glauben, lieben, singen, sind verdorben bis ins Mark und singen, sind Heuchler, Lügner, schöne Seelen, sind Herren, Knechte, alle singen, sind Denker, Kämpfer, singend, leben, sterben, träumen singend, und ziehen sie ihre Bahnen, beglücken sie die Welt und singen, zerstören sie und singen, oh diese Deutschen, sie singen …Die Deutschen sind ein eigenartiges Volk. Ob Krieg, ob Frieden, ob Revolution, ob Diktatur des Geldes, ob Diktatur des Proletariats, ob er marschiert der Deutsche, schlendert, rennt, er singt und nimmt ihn sehr ernst, seinen Gesang. Ob aus voller Kehle, ob sehr leise, singend begehrt der Deutsche mehr als er braucht, singend vermisst er, ohne dass ihm etwas fehlt, und er trällert, dass er will, auch wenn er nicht kann. In seinen Liedern ist er, so scheint es, voll und ganz bei sich, alles Hoffen und Wollen erfüllt sich im Gesang viel besser als im Leben. Will man die Deutschen kennen lernen, schlage man ein Liederbuch auf oder gehe in die Oper! Wie viele Revolutionen haben die Deutschen besungen, wie viele vollbracht? Wie viele deutsche Euphorien und Untergänge seit 1871 werden von den schönsten Weisen begleitet. Ob vertontes Gedicht, Volkslied, Gassenhauer, Schlager, in ihren Liedern trifft deutsche Seele auf große Geschichte. Beide scheinen im Gesang auf magische Weise verknüpft, oder kann man heute die „Lilly Marlen“ hören, ohne an eine der finstersten „deutschen Nächte“ zu denken? Im sechzigsten Jahr der Bundesrepublik scheint es angebracht, die schönen und berüchtigten Gesänge auf sehr lustvolle Weise neu zu Gehör zu bringen. Dafür begibt sich eine singende, musizierende und spielende „Combo“ auf eine Odyssee durch die Geschichte Deutschlands und hinein in klingende Geschichten aus Dessau. Die „Gesänge aus Tausend und Einer deutschen Nacht“ werden dabei nicht allein im „Alten Theater“ zu erleben sein, sondern auch an so überraschenden, wie höchst ungewöhnlichen Orten der Stadt und der Umgebung.

Inszenierung: Krzysztof Minkowski, Musikalische Leitung: Benjamin Schultz, Ausstattung: Konrad Schaller, Dramturgie: Holger Kuhla, Mit: Susanne Hessel, Lisa Kudoke, Mario Janisch, Jan Kersjes, Matthieu Svetchine
Premiere I – Unter freien Himmeln – 2. Oktober 2009

»Die furchtlose Freude, mit der Susanne Hessel und Lisa Kudoke, Mario Janisch, Jan Kersjes und Mattieu Svetchine gegen die Leere und die Lethargie ansingen, überträgt sich als positive Energie auf das Publikum. […] Es ist eine Landnahme, die von Station zu Station besser funktioniert und auch die Dessauer Museumskreuzung, das Rathaus-Center und schließlich das Alte Theater erreicht. Dort endet dieser ersten Tag der neuen Ära mit einem Stück nach Einar Schleef, dessen Titel “Abschlussfeier” wie ein Paradoxon wirkt.«
Andreas Hilger | 03.10.2009 | Mitteldeutsche Zeitung

»Einen Anstaltstag lang darf das Publikum an deutschen Melodien, welche die deutsche Geschichte schrill illustrieren, lustvoll leiden. […] Schon der Therapiesong aus Guruhand zeigt süßlich dröge, wie offen die geschlossene Abteilung eigentlich ist. Willkommen im Irrenhaus zur Einzel-Therapie, welche en passant auch die Neuen im Schauspielensemble vorstellt. […] Auch der Chor der Idioten klingt nahezu berufen, nicht erst zur coupletselig rasanten Zugabe „Meine Freiheit, deine Freiheit“ von Georg Kreisler. Aus der Kaiserhymne stieg Kersjes in lichte, knabenhafte Höhen, aus denen gut zu fallen ist, hinein in ein ohnehin klinisch rein gestaltetes Foyer, welches Ausstatter Konrad Schaller nahezu beauftragt, das Bild auf geschlossene Engelhemdchen und handelsübliche Unterhosen zu beschränken. Die Musiker Benjamin Schultz und Oli Schneider leisten diskrete und solide Pflegedienste zur gellend brachialen Demaskierung der Gesänge. Und wenn es noch schriller wird, ahnt man, dass die deutsche Geschichte schwer zu überzeichnen ist.«
Thomas Altmann | 10.10.2009 | Mitteldeutsche Zeitung

»“Wir haben uns über die Musik an die deutsche Geschichte herangebissen”, erklärt Krzystof Minkowski seine Inszenierung. Als Handlungsrahmen hat er sich eine psychiatrische Anstalt erdacht, in die eine neue Ärztin kommt, um die Patienten mit einer Musiktherapie zu behandeln. “Es ist also kein reiner Liederabend, sondern ein Theaterabend, bei dem man gerne singt”, so der Regisseur, der verschiedene Situationen auf die Bühne bringt, die Darsteller typisiert, Eskalationen entstehen lässt. “Man merkt dann sehr schnell, dass Musik auch ein gefährliches Mittel sein kann. Das Gemeinschaftsgefühl beim Singen entwickelt einen großen Sog, dem man sich schwer entziehen kann”, hat Minkowski erkannt.«
Ilka Hillger | 01.10.2009, Mitteldeutsche Zeitung

Premiere am 08.10.2009 am Anhaltischen Theataer Dessau