DER PROZESS

Nach Franz Kafka

Eine Inszenierung mit Gefangenen der JVA Charlottenburg des Regieteams Moras/Minkowski in Zusammenarbeit mit aufBruch

Das Regieteam Moras/Minkowski arbeitet nach drei Theaterproduktionen mit Inhaftierten der JVA für Frauen Pankow in diesem Herbst zum ersten Mal in der JVA Charlottenburg. aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT unterstützt das Projekt in den Bereichen Organisation und Öffentlichkeits-arbeit und möchte damit die Vielfalt künstlerischer Ansätze in der Berliner Gefängnistheaterkultur fördern. Die Inszenierung DER PROZESS – frei nach der Romanvorlage Franz Kafkas – untersucht die Situation, die sich vor jemandem auftut, der angeklagt wurde. Die Biografien, die von den Gefangenen eingebracht werden, geben eine Projektionsfläche frei, auf der man die parabelförmige Geschichte Josefs für jeden der Mitspieler anders konkretisiert. Was passiert, wenn man eines morgens verhaftet wird und anschließend zur Arbeit gehen darf? Das Leben läuft weiter, als ob nichts wäre; bis man feststellt, dass alles auf dem Kopf steht. Die Welt scheint sich verschworen zu haben und der Boden rutscht weg. Unabhängig von Schuld oder Unschuld ist die Biografie, die man sich gebaut hat, an diesem Punkt zu Ende.

Konzept und Regie: Dirk Moras, Krzysztof Minkowski, Ausstattung: Konrad Schaller, Regieassistenz: Theresa, Ausstattungsassistenz: Kathi Dyck, Produktion: Sibylle Arndt (aufBruch), Pressearbeit: Caro Forkel (aufBruch), Es spielen: Cabrillo, Erlo Cerhak, Hussein Atwy, Steven Mädel, Ugur Türün, Vitaly Polyakov und Nikolai Plath

“Weil sich reale und fiktive Elemente in diesem »Prozess« vermischen, geht dem Zuschauer die Orientierung ähnlich verloren wie dem Protagonisten Josef K. in der literarischen Vorlage. Obwohl Moras und Minkowski den komplex konstruierten Roman auf eine Revue-Fassung kondensierten, die dank der Originalität der Akteure auch Gelächter provoziert, werden sie ihm dennoch gerecht. Kafka kann Spaß machen – das ist die vielleicht verblüffendste Erkenntnis dieses Abends. Neuigkeitswert hat auch die Tatsache, dass das Regieduo die logistische Kompetenz der Knasttheatergruppe aufBruch nutzen konnte und aufBruch selbst sich mit dieser neuen Produktionsform ästhetisch anders positioniert. »Das ist eine Win-win-Situation für alle«, meint Minkowski. Dem ist, auch bezogen auf die Zuschauer, zuzustimmen”
Neues Deutschland, 28.11.2011

“Der einzige mediale Einsatz ist ein Keyboard und eine Videoprojektion an der hinteren Bühnenwand, die Einblick gewährt und Transparenz schafft. Vitaly fragt sich, um was es in dem Stück eigentlich geht, denn „ich verstehe das ganze Stück einfach nicht. Warum fickt der Opa in der einen Szene die Wand?“. Diese Darsteller müssen sich nicht verstecken, auch wenn sie dies momentan Tag ein Tag aus hinter den Mauern der JVA Charlottenburg machen müssen. Das Stück ist so gut wie seine Schauspieler und diese berühren mit ihrer Authentizität.”
www.artberlin.de, 24.11.2011

“Auch Ugur Türün hat das Zeug zum Profischauspieler. Sein türkisch-deutscher Mutterwitz verhilft dem Stück zu Volksnähe und läßt das Publikum toben. Als Kafkas aus dem »Prozeß« abgeleitete Novelle vom Türsteher zitiert wird, empört sich Türün: »Ja, da hat ihn dann doch der Türsteher betrogen!« »Nein, das verstehst du nicht, das ist anders gemeint, so kann man das nicht sagen.« »Na klar, Mann, da hat ihn der Türsteher betrogen!« Das könnte eine Auslegung im Sinne Kafkas sein, der diesseits von literarischen Symposien verstanden werden wollte. Die Mühsal der Entrechteten hat er geschildert, ihr Ausgeliefertsein angeprangert. Und als Jurist in seiner Versicherungsanstalt versuchte er, Arbeitsschutzgesetze für Industriearbeiter durchzusetzen, wie sie gerade wieder Stück für Stück abgeschafft werden. Wie sollte Kafka da nicht aktuell sein?”
Tageszeitung Junge Welt, 5.12.2011

“Ein Chance, laut Arschloch, Fotze und Ficken zu schreien, auf deutsche, auf türkische, auf menschliche Borniertheiten bestimmende Lebenslagen zu schimpfen und sich danach eben nicht abzustechen, sondern die Hand zu geben, sich zu gratulieren, dass man da als Mensch doch ein Stück weitergekommen ist. Und sei es nur das Stück aus der grauen Zellentristesse heraus. Ganz großes Theater.”
(www.sounds-like-me.com, 5.12.2011)

“Die meisten Darsteller spielen zum ersten Mal Theater. Atwy stand schon einmal in der Grundschule auf der Bühne. Sie alle agieren, als wären sie Profis. „Leider ist es genau dieses Talent, das einige von ihnen hier hineingebracht hat“, sagt Anstaltsleiter Robert Savickas.”
Märkische Allgemeine, 2.12.2011

Premiere: Mittwoch, 23. November 2011