IDIOTEN

Nach dem Film von Lars von Trier

«Ein Film von Idioten über Idioten für Idioten» Lars von Trier

Was ist gut und was ist böse? Was ist richtig? Was ist falsch? Die Welt steht auf dem Kopf. Eine Gruppe junger Frauen und Männer macht sich auf einen gemeinsamen Weg. Es ist Sommer. Sie beziehen eine Villa am Rande der Stadt und ­machen den Idioten. Finde Deinen inneren Idioten, der in jedem von uns steckt! Wecke ihn auf, lebe ihn aus und stehe zu ihm! Idiotie macht frei! Die Frauen und Männer teilen sich täglich neu in die Rollen auf: die einen spielen geistig Behinderte, sabbern, grölen, grabschen und grimassieren, und einer macht den Pfleger. Und dann geht es los. Ins Hallenbad, ins Restaurant, in die Wirklichkeit. Das ist lustig. Das ist vor allem auch fürchterlich. Es ist ein Experiment, eine Attacke auf die ­gesittete Gutbürgerlichkeit, ein antibürgerlicher, ein revolutionärer Versuch und zudem ein Angriff auf den guten Geschmack. Also eine gnadenlose Grenzüberschreitung. Kann das gutgehen?

Regie: Krzysztof Minkowski, Ausstattung: Konrad Schaller, Dramaturgie: Carolin Losch, Schauspiel: Hajo Tuschy, Nicolas Batthyany, Christian Baus, Marie Gesien, Juliane Lang, Max Scheitlin, Marie Ulbricht, Jürg Wisbach, Samuel Zumbühl

»Diese Spielanlage ist prädestiniert für ein lustvolles Bühnenspektakel, das die ganze Palette vitaler Aktionen erlaubt. So wird in der Aufführung auf der kleinen Bühne des Luzerner Theaters wacker getobt, gestöhnt, gepinkelt, gesaut und herumgerannt. Das Ensemble legt sich spastische oder nuschelnde Ticks zu, mit denen es beispielsweise einen Kellner, einen Werksleiter oder Stoffers Onkel Svende verwirrt. (…) Regisseur Krzysztof Minkowski lässt die Schauspieler ihre wilden Emotionen auf der karg eingerichteten Bühne ausleben. Dabei lassen sie auch die Hüllen fallen für ein tumbes Badeballett, das in die Prozession einer Schar fröhlicher Idioten mündet. In Zeitlupe paradieren sie lachend und feixend vor den Zuschauern und wirken dabei echt wie aus dem TV. Das achtköpfige Ensemble agiert meist als geschlossene Gruppe und integriert nahtlos, ohne Kostümwechsel, auch die Rollen der auftretenden Normalos. Alle Grenzen verfließen.«
Nachtkritik.de, 26.08.2012

»Lars von Triers Film ‹Idioten› von 1998 wurde kontrovers aufgenommen, gefeiert wie skandalisiert. Er ist eine Provokation. Eine Gruppe nistet sich in einem Haus ein und sucht nach dem ‹inneren Idioten›, spielt Behinderte, um der eigenen Normalität zu entfliehen, gleichzeitig sieht sich ihre Umgebung, die Gesellschaft, mit ihrem Verhalten gegenüber Behinderten konfrontiert. Die Gruppe kommt an ihre Grenzen, hält die eigene Provokation nicht aus, fragt nach der Berechtigung ihres Tuns, zerbricht am Ernst, der sich unversehens aus Unernst und Spiel entwickelt. Das Stück nach diesem Film, das im UG des Luzerner Theaters als Schweizer Erstaufführung gespielt wird, zeigt wie der Film beide Ebenen. Die Schauspieler stellen sich mit ihren Rollennamen vor, erzählen, wie sie sich ins Experiment stellten, und wechseln in ihre Rollen zurück. Beides auf Armlänge vom Publikum entfernt. (…) Marie Ulbricht als Susanne und Juliane Lang als Katrine wechseln am leichtesten zwischen den Spielebenen. Hajo Tuschy gibt den Stoffer leicht exaltiert, Christian Baus den Henrik mit jener Komik, die den Grat böser Verspottung streift. Jürg Wisbach markiert zurückhaltend den Grenzgänger, Samuel Zumbühl übertreibt nach Kräften, und Marie Gesien vermag als Karen ihre Wandlung von der Aussenseiterin zur vom Experiment Veränderten glaubhaft zu zeigen.«
Neue Luzerner Zeitung, 27.08.2012

»Die Luzerner ‹Idioten›, inszeniert von Krzysztof Minkowski (‹Invasion› am selben Ort 2011), folgt in vielem der filmischen Vorlage, Lars von Triers Werk von 1998. Ein Film ist ein Film und ein Schauspiel ein Schauspiel. Hier ist alles näher, direkter, unverstellter. Szenenwechsel erfolgen fliessend. Und einzelne der Darstellenden haben weitere Rollen zu übernehmen, Kellner, Werksleiter, Onkel, die Dame von der Gemeinde, zwei Hauskaufinteressenten, Katrines Vater. Und sie selber, die Rollen, fallen aus ihren Rollen, dann, wenn vom idiotischen Aktivismus in den Reflexions-Modus gewechselt wird, wenn sie eine Aktion und ihr Tun überhaupt nachbereiten. Die Inszenierung holt vieles, das Beste, aus dem knappen Spielraum heraus und arbeitet auch mit Reduktionismus und Stilisierungen. Wer den Film kennt, trifft also auf vertraute Szenen. Eine Kenntnis des Films wird aber keineswegs vorausgesetzt. (…) Am Ende, klar, heisst es ‹Utopie ade›, muss das Experiment scheitern. Nicht aber diese dichte Inszenierung mit ihrem intensiven Spiel, mit der Spielfreude auch, wo viel Komik ohne Denunziation des echt Idiotischen drinsteckt.«
Kulturteil.ch, 26.08.2012

»Störend – aber auf gewollte Weise – ist die intime Ansprache des Publikums: Die acht Darsteller nehmen Einzelne der etwa 60 Zuschauer gezielt ins Visier, versuchen ihnen Basteleien zu verkaufen oder simulieren in direktem Blickkontakt Orgasmen. Vielmehr als ungemütlich ist das freilich nicht. «Idioten» sagt nicht wirklich etwas aus über den Umgang der Gesellschaft mit den Schwachen. Das Stück karikiert vielmehr eine wirtschaftlich gut gestellte Menschengruppe, der nichts zu blöd ist, um darin den verlorenen Lebenssinn wiederzufinden«
Luzerner Zeitung, 26.08.2012

»Dabei bleibt das Stück nah am Film, wirkt aber direkter, das Publikum wird angesprochen, miteinbezogen. Das ist zunächst ein wilder Spass mit einer Messerspitze Verstörung. (…) Fragen werden aufgeworfen, das kontroverse Potential von von Triers Vorlage belebt. Minkowski ist es gelungen, diese zu verdichten, das intensiv agierende Ensemble tut sein Übriges, dass zumindest das Experiment Bühnenadaption gelingt.«
boleromagazin.ch, 26.08.2012

»Immer wieder wird versucht, die Zuschauer mit der Realität zu konfrontieren. Spätestens beim Betreten eines Jungen, der tatsächlich schwerbehindert ist, wird die Illusion der Theaterwelt zerbrochen. Warum lachen wir, wenn sich jemand auszieht, aber werden ganz ernst, wenn ein Schwerbehinderter vor uns steht? Wie und weshalb wir so reagieren, ist uns manchmal nicht ganz klar. Dies versucht Regisseur Krzysztof Minkowski in seiner Inszenierung vor Augen zu führen. Einerseits schafft das Theater eine gewisse Distanz, durch welche wir in der Lage sind, uns kritischer mit diesen Fragen auseinanderzusetzen«
tink.ch, 4.09.2012

Premiere am 25.08.2012 am Luzerner Theater