ILIAS

nach Homer

Als die Kriege im zerfallenden Jugoslawien Europa erschütterten, flohen viele Menschen aus ihrer Heimat, einige leben heute in Berlin. Mit fünf Laiendarstellerinnen aus Bosnien und Herzegowina und zwei Schauspielern untersucht die Inszenierung die Anatomie des Krieges.

Die Ilias erzählt vom Krieg als einer Abfolge von privaten Einzelentscheidungen mit globalem Ausmaß. Der Krieg ist im zehnten Jahr und ein Ende nicht abzusehen. Alle wollen nach Hause – die Flüchtlinge in ihre zerstörten und geplünderten Städte rund um Troja, die Griechen und ihre Verbündeten zu ihren Familien. Doch viele werden ihre Heimat verlieren, ihre Angehörigen oder ihr eigenes Leben.

Das Lager vor Troja wird zum Flüchtlingscamp der 90er Jahre, das Provisorium ist für seine Bewohner längst Normalität geworden, die Ausnahmesituation zum Alltag. Hier werden Strategien gesponnen, Intrigen ausgeheckt, gefeiert und getrauert.

Die Laiendarstellerinnen haben Krieg und Flucht erlebt. Ihre Erfahrungen geben der Ilias eine konkrete Perspektive, während der antike Text Strukturen offen legt, die auch auf dem Balkan Gültigkeit besaßen.

Konzept & Regie: KRZYSZTOF MINKOWSKI, DIRK MORAS, Bühne & Kostüm: KONRAD SCHALLER, Bühnenbildassistenz: ALEKSANDRA PAVLOVIĆ, Produktion: PARALLELWERK, Presse: KATJA KETTNER, Es spielen: BEGZADA ALATOVIĆ, RAZA ALIĆ, SENA ČALUKOVIĆ, VASVIJA GRBO, JONAS LITTAUER, SEKA MUJKIĆ, NIKOLAI PLATH

»Es ist kein Mitleidstheater, kein Ausstellen von „Opfern“, da werden Parallelen gefunden zwischen der Antike und der Gegenwart, Laien und Profis sind so gut zusammen, wie es selten der Fall ist und alles wird gezeigt, wie es wohl immer ist: der Krieg und Angst und Vertreibung und Verlust, aber dazwischen wird gesoffen und getanzt und geweint und immer noch erzählt und immer noch gelacht und immer noch geliebt.«
Laura Naumann | 16.07.2010| Kaltstart Festivalzeitung

»Troja vernichten, lautet Agamemnons Befehl. Zu Rumba feiert ausschweifend dort die Königsfamilie. Man hasst Helena, erfährt man, weil bereits Tausende ihretwegen starben. Paris beruft sich auf Liebe als Grund für seinen Raub, Helena als Mann in Verkleidung sieht dümmlich weniger Spannungen in der Familie – während die ihr Getränke ins Gesicht gießt. Spätestens hier greift ein Stückkonzept, das Parallelen zwischen dem Krieg um Troja und einem der unsinnigsten Kriege des 20. Jahrhunderts sieht: dem im früheren Jugoslawien. Helena lebt plötzlich ebenso als Fremde in einer Mischehe, wie es sie auf dem Balkan lange friedvoll unter Serben, Kroaten, Bosniern gab. Vertrauensbruch, schreit Helena, treibt Paris zur Rettung der Stadt in den Kampf. […] Selbst wenn die Inszenierung modische Klischees feiert, etwa Reden ins Mikrofon, um das Wort zur amtlichen Verlautbarung zu erheben, verleiht sie doch dem antiken Mythos eine brisante Aktualität. Authentisch wird sie durch jene Amateuraktricen um die 50, die Krieg am eigenen Leib erfahren, nach Verlust des Ehemanns und abenteuerlicher Flucht in Berlin eine neue Bleibe gefunden haben. Die »Ilias« in dieser Lesart ist Anklage von Krieg schlechthin.«
Volkmar Draeger | 30.03.2010 | Neues Deutschland

»Im Gegensatz zu den Soldaten, die mit professionellen Schauspielern besetzt die Szene beherrschen und souverän zwischen Versmaß und Alltagsslang switchen, bleiben die Bosnierinnen fremd auf dem Kriegsschauplatz wie auf der Bühne. […] Das aber reicht nicht, auch wenn es ja nie so ist, wie immer wieder behauptet wird, dass Laien nur auf die Bühne gestellt werden, um Authentizität zu garantieren. Im Gegenteil verleihen sie immer zuallererst die ganzen Künstlichkeiten der Bühne in schöne, spröde Sichtbarkeit.«
Doris Meierhenrich | 01.04.2010 | Berliner Zeitung

Eine Veranstaltung von neuropolis – culture at work e.V.
In Kooperation mit südost Europa Kultur e.V. und dem Theaterhaus Berlin.

Das Projekt wird gefördert von:
dieGesellschafter / Aktion Mensch, Kulturamt Neukölln und Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten Berlin.

Premiere am 27.03.2010 im Heimathafen Neukölln.